13.08.2011: Hamburger SV – Hertha BSC 2:2 (1:1)
1. Bundesliga, 2. Spieltag
Ein familiärer Kurzbesuch in der Hansestadt trieb eigenartige Blüten, die wieder kurzentschlossen zu einem Spiel der 1. Bundesliga führten. Wobei mir die beiden beteiligten Vereine bis dahin völlig abgingen. Für mich war im Vorfeld dennoch klar, dass der Besuch dieser Partie von großer Gleichgültigkeit geprägt sein würde, gepaart mit kleinen Sympathien für den Verein, welcher gegen Hertha spielt. Im Laufe des Tages durfte ich dann einmal mehr erkennen, wie das so ist mit den guten Vorsätzen. Bevor es aber Richtung Arena gehen sollte, teilte mir mein Magen mit, dass er um Nahrungsaufnahme bittet. Diesem Wunsch kam ich gern umgehend nach. Mich dürstete es nach etwas Herzhaftem und ich kam in der Innenstadt an einer Hamburger Grillimbisskette vorbei, welche Currywurst feilbot. Während ich die Bestellung aufgab und mir im gleichen Moment die Frage stellte, ob dies in Hamburg die richtige Wahl sei, stellte mir der Imbissbetreiber eine „Bratwurst oder Krakauer?“-Frage. Freundliches Kopfschütteln meinerseits. Nonchalant wies ich den Verkäufer darauf hin, dass, wenn überhaupt, die richtige Nachfrage im Zusammenhang mit einer Currywurstbestellung: „Mit oder ohne Darm?“ lauten muss und das ich, als ehemaliger Bewohner der sowjetischen Besatzungszone, selbstverständlich eine ohne Darm haben möchte. „Bratwurst oder Krakauer?“, drang es wiederholt an meine Ohren. Immer noch höflich, aber schon etwas bestimmter, machte ich ihn darauf aufmerksam, dass, wenn ich eine Bratwurst oder eine Krakauer essen wollte, diese auch bestellen würde, ich jedoch eine Currywurst möchte! Und zwar so, wie man sie richtigerweise in Berlin bekommt. Es half alles nichts. Letztendlich lag, trotz aller Hilfestellungen meinerseits, eine mit 1,0 cm Durchmesser in Currysauce eingetauchte und gestückelte Bratwurst auf einem Pappteller. 2 Bissen und einen Wurf in die Mülltonne später, ging es mit dem Auto nach Altona. Der HSV verspielte ob dieses innenstädtischen kulinarischen Offenbarungseids in gesamtstädtischer Sippenhaft den leichten Sympathievorsprung gegenüber Hertha.
Nachdem das Fahrzeug abgestellt war, ging es über den Hauptfriedhof per pedes zum Sportfeld. Vor der HSV-Arena angekommen, erst Mal zum Imbiss und eine Bratwurst (manchmal lernt man doch dazu) sowie ein Holsten verhaftet. War insgesamt genießbar. Anschließend ein Kartenhäuschen gesucht, man wurde im Bereich des Gästesektors zuerst fündig. „Macht 34,00 €!“ Ja nee, is klar. Aber sonst noch alles ganz richtig im Kopf, oder HSV? 66,50 DM für eine Karte für ein beschissenes Fußballspiel, irgendwo im oberen Bereich des Gästsektors? Erster Stimmungswechsel und damit einhergehend (nur für dieses Spiel!) ein Sympathiepunkt für Hertha, da man im Olympiastadion für geschmeidige 15,00 € bereits ein Ticket erhält und das für einen Platz auf der Geraden. Um hier Mal gleich auch den RB-Forum-Schreiberlingen eine Hilfestellung in Sachen logisches Denken zu geben, welche seinerzeit aufgrund eines Berichts über die Partie Salzburg – Lazio in 2009, trotz des ihnen attestierten vermeintlich hohen Bildungsgrades, die Ironie betreffend der „armen Ostschnauzen“, welche nicht für 6,50 € ein belegtes Brötchen käuflich erwerben wollten, nicht verstanden haben: natürlich könnte man sich auch ein VIP-Ticket leisten. Was ja bereits allein dem Selbstverständnis des gepflegt arroganten Erscheinungsbildes geschuldet ist. Aber hier bin nicht nur ich ein weißer Jude. Man muss eben ab und an auch Prioritäten setzen. Für gutes Essen z.B. kann und sollte man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Aber doch nicht für Bundesliga-Proleten-Fußball, zumal wenn 2 Gurkentruppen, die gegen den Abstieg spielen, aufeinandertreffen. Da wären 2,50 DM angemessener. Es half alles nichts, meine reaktionäre Einstellung fand auch hier keine Befriedigung und ich berappte widerwillig den unverschämten Preis.
Im Stadion angelangt, wurde von freundlichen Sicherheitsservicekräften der Weg gewiesen und man musste noch 3 Mal die Karte vorzeigen. Etwas nervig, aber nun ja. Der Gästesektor im unteren Bereich war schon gut gefüllt, auch in dem Bereich in welchem ich mich befand, eine Menge Hertha-Anhänger. Allerdings kann ich nicht beurteilen, ob der Gästemob für Charlottenburger Verhältnisse gut, schlecht oder normal war, da ich im Allgemeinen keine Affinität zum selbsternannten Hauptstadtclub habe und im Besonderen ohnehin über mich sehr erschrocken war, dass ich nunmehr das 2. Wochenende aufeinander Bundesligafußball, dazu noch im Stadion vor Ort, verfolgte. Während ich mich so im Rund umschaute, zischte ein kurzer Hackfleischgeruch an meinem Riechorgan vorbei und kurz darauf landete neben mir eine halb angefutterte Bulette, welche ein mir bis dahin unbekannter Primat auf Reisen schickte. Der Wurfspender gab sich allerdings nicht zu erkennen; dabei ist Gegenseitigkeit in einem Dialog doch so wichtig. Vorurteilsbeladen durch die vorangegangenen Erlebnisse an diesem Tag, verortete ich den Delinquenten im Hamburger Primaten-Bereich, worauf Hertha für diesen Tag einen 2. Sympathiepunkt von mir erhielt. Damit stand fest: heute für Berlin. Das Stadion füllte sich einige Minuten vor Spielbeginn zusehends. Auf dem Rasen ließen indes einige Fans Fahnen wehen, indem sie ein Spalier für die bald einlaufenden Spieler bildeten. Wenn man schon so etwas bringt, sollte man auf jeden Fall die Symmetrie beachten. So sah das aus wie gewollt und nicht gekonnt. Jede Fahne flatternde Fanclubatze anders angezogen, mit jeweils unterschiedlich großen Winkelementen. Furchtbar. Noch schlimmer allerdings der Stadionsprecher Gerrit Heesemann, besser bekannt als Lotto King Karl, welcher die HSVer kurz vor Spielbeginn von einer Hubbühne aus mit „Hamburg, meine Fußballperle“ im unverständlichen Kauderwelsch einzustimmen versucht. Endgültig nervtötend die ständige Wiederholung der auch auf den billig gedruckten Eintrittskarten zu lesenden Sprüchen wie „Nur der HSV“, „Nur das Spiel“, etc. Fehlt nur noch „Nur das Bier“, „Nur die Bratwurst“, „Nur der Stehplatz“, „Nur der Sitzplatz“. Irgendwann hat man dann wirklich alle vermeintlichen Alleinstellungsmerkmale gesammelt durch und ad absurdum geführt.
Die Herren Fußballer betraten den Rasen und Hertha startete sehr gut in die Partie. Man erkannte die Mannschaft, welche gegen den Club noch so unterirdisch gespielt hatte, nicht wieder. Vor allem Ramos, wirklich immer präsent und am Ball unheimlich stark. Die Berliner machen das Spiel, setzen immer wieder Akzente und zeigen richtig guten Fußball. (Einige Fach-Schreiberlinge meinten im Anschluss an diese Partie, dass der HSV von Beginn an spielbestimmend gewesen sei. Da fragt man sich schon, was zu solch massiven Wahrnehmungsstörungen führt.) Jedoch macht Hamburg durch einen berechtigten Elfmeter das unverdiente 1:0. Stimmung in der HSV-Arena? Enttäuschend langweilig. Bei einer fast vollen Hütte hat man mehr erwartet. Da ist mehr Stimmung im Berliner Olympiastadion, als in der reinen Fußballarena des Hamburger SV. Trotz des Gegentreffers spielt Hertha weiter gut auf und bestimmt die Partie. Der HSV nur auf Konter aus. Verkehrte Welt. Kurz vor der Pause der mehr als verdiente Ausgleich durch den Ex-Hamburger Torun, welcher fast gleich noch das 2:1 für Hertha nachgelegt hätte. Die Pille findet aber nur den Weg ans Außennetz. Nach dem Wechsel das gleiche Bild, die Hamburger finden praktisch überhaupt nicht mehr statt, Hertha spielt einen schön anzusehenden Ball, aber vergisst das Tore schießen und untermalt stattdessen wieder Mal die Zuneigung zum Aluminium. Erinnerungen an die Erstligapartie der vorletzten Saison gegen Nürnberg werden wach, als man den Pfosten am Marathontor kaputtschießen wollte. In Minute 61 plötzlich Sekundenschlaf in der Berliner Hintermannschaft, welcher von Son mit einem satten Rechtsschuss zum unverdienten, aber dennoch sehenswerten 2:1 Führungstreffer genutzt wird. Nun ging plötzlich auf Berliner Seite nicht mehr viel, die erneute Führung der Hansestädter schien der Knockout zu sein. 10 Minuten vor Spielende fast das 3:1 für den HSV, aber eben nur fast. Dies schien der Weckruf für die Gäste zu sein, welche sich nun wieder ihrer Spielstärke besannen. In der 88. Minute wurde der unersättliche Einsatz mit dem 2:2 belohnt. Kurz darauf Abpfiff. Die Spieler der Hertha enttäuscht. Und das mussten sie auch sein. Dieses Spiel hätten sie ganz klar gewinnen müssen.
Fazit:
Kurz gefreut für die nicht ganz gelungene Berliner Rache für den mir zuvor zugemuteten kulinarischen Supergau und die unverschämten Ticketpreise. Auswärts schafft Hertha es tatsächlich, Mal nicht unsympathisch zu sein. Der Hamburger SV ist ein beschissen langweiliger Verein. Beim nächsten Hamburgbesuch wird, ganz ohne Vorurteile und ohne jede Ironie, der FC St. Pauli aufgesucht.
- Borstel -